Jute statt Plastik!

Der Frühling hält Einzug, ein Bewerbungsgespräch steht ins Haus und ich habe den dezenten Hinweis erhalten, ich solle mich doch um meinen Teint kümmern.
Gesagt, getan. Und wo kann man sich an einem sonnigen Tag in München besser von der Sonne grillen lassen als an der Wand der Residenz vor der Oper? Saß ich da also gestern Nachmittag, vertieft in meine Informationsmaterialien zum potentiellen zukünftigen Arbeitgeber und bruzzelte mich getönt.
Doch dann begann sich ein seltsames Schauspiel vor meinen Augen abzuspielen:
Erster Akt: Polizeiheerscharen stehen rum und beginnen auf einen Befehl hin, Absperrgitter rund um die Residenz aufzubauen. Interessierte aber, außer ein paar gelangweilten Rentnern eher niemand.
Zweiter Akt: Verdi marschiert auf. Oder besser gesagt, den Spruchbändern nach zu urteilen, die Theaterabteilung von Verdi. Bühnenarbeiter, Beleuchter, ect. postierten sich strategisch günstig in der Sonne und halten tapfer ihre Transparente in die Luft. Zurück an den Verhandlungstisch!, das nenne ich eine offensive Forderung. Da werden die hohen Tiere aber echt schlottern… Aber, wer sollten die eigentlich sein, diese hohen Tiere auf die offensichtlich gewartet wurde? Das ist ein Fall für den
Dritten Akt: Einmarsch der Limousinen. Man muss hinzufügen, dass man wenn man auf DIE eine schwarze teure Limousine wartet und das ausgerechnet vor der Oper, ziemlich auf verlorenem Posten steht. Denn hier sind nahezu alle Autos extrem teuer, extrem neu und extrem dunkel. Man könnte fast meinen, man beobachtet den Aufmarsch der Autobauer zum nächsten Automobilsalon. Einzig die bunten Skateboarder und die quietschfidelen italienischen Schulklassen mit ihren schreiend bunten Bussen stören die Gesamtkomposition.
Zwischenzeitlich vertreibt sich Verdi die Zeit mit Trillerpfeifen (auch nicht gerade originell), die Polizisten hingegen mit wichtig schauen. Man trägt übrigens auf beiden Seiten Uniform, auf der einen Seite schickes oliv, auf der anderen umweltschädliches Plastik. Und es wurde immerspannender: Wer mag da wohl erwartet werden? Gar der Stoiber vielleicht?
Vierter Akt: Faltlhauser. Des Rätsels Lösung. Treffen der Finanzminister in der Schatzkammer der Residenz, damit der Kurtl bei den Kollegen ein bisserl mit seinem Tafelsilber und dem Haushalt ohne Neuverschuldung angeben kann. Faltlhauser, ganz schlauer Fuchs marschiert jedenfalls zielstrebig auf die Protestanten zu und beginnt eine Diskussion mit ihnen. Konnte den Inhalt aufgrund der Entfernung leider nicht mitverfolgen (musste der Sonne auf die Treppe der Oper nachwandern), aber festzustellen bleibt: Es gab genau 3 Pfiffe, dann war Ruhe. Das nenne ich mal Krisenmanagement. Oder beide Seiten haben einfach keine Lust mehr aufeinander nach wochenlanger Tarifauseinandersetzung (Ehepaare gehen ja auch irgendwann dazu über, sich zu ignorieren).
Ich jedenfalls muss konstatieren: Etwas Gesichtsfarbe, eine Vorführung bayerischer Streitkultur und ein Platz an der Sonne in einem? Ein gelungener Nachmittag.

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