Sowieso und Irgendwo

Sonntag, Juni 11, 2006

Extrem-Fußball-Schauing


Falls sich jemand gefragt hat, wo ich das ganze Wochenende verschollen war: Ich hab jedes einzelne WM-Spiel bisher gesehen. Und ich muss sagen: Vergnügungssteuerpflichtig war das nicht.
Deshalb habe ich einfach ein anderes Spiel daraus gemacht. Ich werde als Stiftung Spielschautest eine kleine Bewertung meiner bisher frequentierten Orte zum sog. public viewing geben.

Begonnen hat alles bereits am Donnerstag mit einer kleinen Vorab Stippvisite im Fifa-Fan-Camp auf dem Olympiagelände.

Örtlichkeit: Die Voraussetzungen waren eigentlich ganz gut: Schöner Seeblick, ein geradezu philosophisch anmutendes Fußballfeld auf dem gegenüberliegenden Seeufer, sanft geschwungene Rasenstufen zum Sitzen und Picknicken... aber diverse Merchandising-Freß-Sonstwas-Stände geben dem Ganzen einen Hauch von Tollwood am Containerbahnhof. Und die Sicherheitsschleusen verbreiten Abschiebelager-Flair.
Besucher: Waren noch keine da, aber nach diesem Spiegel-Artikel zu urteilen, war das auch ganz gut so :-)
Leinwand: Kann man nicht meckern. Groß, zentral und entspiegelt gegen Sonneneinstrahlung. Fazit: Da schau ich mal lieber kein Spiel, obwohl es in genialer Nähe zu meiner Wohnung liegt.


Freitag, 1.Halbzeit Eröffnungsspiel: Augustinerbiergarten

Örtlichkeit: Altbekannter, riesengroßer unter alten Kastanien gelegener Biergarten mit Platz für 5000 Leute. Trotzdem keine Chance auf einen Sitzplatz mit Blick auf die Leinwand eineinhalb Stunden vor dem Spiel, weil jede Menge Reservierungen. Schlau wie ich bin, dennoch drei Plätze auf der Terrasse mit Fernseher ergattert. Bedienung großartig, Essen durchschnittlich, Preise heftig.
Besucher: Deutschland Fans jeglicher Coleur, viele kostümiert. Bei jedem Erscheinen Olli Kahns wurde vor Begeisterung aufgeheult, gegen Jens Lehmann meine ich Animositäten wahrgenommen zu haben. Die Nationalhymne wurde mitgesungen, bei Horst Köhler wurde geklatscht. Ergo: Der typischer Bayern-Fans, CSU-Klientel Fantreff.
Leinwand: Viel zu klein für den ganzen Biergarten, zudem nur eine einzige für den gesamten unteren Bereich. Auf der Terrasse Fernseher mit ca. 1m Bilddiagonale, die ziemlich niedrig standen.
Fazit: Während der Halbzeit Ortswechsel.

2. Halbzeit Eröffnungsspiel: Cafe Mozart

Örtlichkeit: Nach kurzer Trambahnfahrt rechtzeitige Ankunft zur zweiten Halbzeit beim Mozart. Wahrscheinlich dem guten Wetter geschuldet, ein zwar gut gefülltes aber keineswegs überfülltes Cafe. Wir fanden problemlos Plätze an der Bar mit Blick auf die Leinwand. Das Angebot an Essen und Trinken gewohnt wunderbar. Die Erbeeren mit Sahne machten das grottige Spiel fast wieder wett.
Publikum: Unkostümiert, nur ein Herr mit schwarz-rot-goldener Perücke fällt auf. Bei Deutschland Toren allerdings zeigt sich die Verteilung der Parteilichkeit. Einen Hort der Antdeutschen haben wir auch hier nicht gefunden.
Leinwand: Groß und per Beamer betrieben. Allerdings hatten sie die Technik nicht so ganz im Griff, denn jedesmal wenn der Moderator sprach, wackelte das Bild. Damit kann man aber leben. Und am nächsten Tag war das wieder repariert.
Fazit: Für alle, die nicht auf Draußensitzen bestehen, ziemlicher idealer Ort. Man sieht gut, man kriegt Sitzplätze auf plüschigen Sofas und das Essen ist super.

Polen : Ecuador: Cafe Loretta, Müllerstraße

Örtlichkeit: Wunderbares kleine Cafebar in der Müllerstraße. Ziemlich gutes Zeitschriftenangebot, deswegen auch Rettung bei flachem Spiel. Frisch gemachte Milchshakes und Tapas helfen einem übers Spiel.
Publikum: größtenteils Mädels, die einfach nur ratschen wollen und sich die Bohne um Fußball scheren. 5-6 Fußballinteressierte rund um die Bar, die allerdings stille Teilhabe bevorzugen. Sehr dezent.
Leinwand: "Große Spiele auf kleiner Leinwand" ist der Wahlspruch der Loretta und das ist noch eine Untertreibung. der Fernseher ist ca. 30 cm groß und hängt in 2,50m Höhe hinter der Bar. Wer hier Probleme hat, die Trikotfarben auseinanderzuhalten, der braucht sich keine Sorgen um seine Sehstärke machen.
Fazit: Für alle, die Fußball als Hintergrunduntermalung zu einem guten Gespräch lieben.

England: Paraguay: Cafe Tambosi, Außenschankfläche

Örtlichkeit: Mitten im Hofgarten hat das Cafe Tambosi eine Leinwand aufgestellt. Und da ich unbedingt mal draußen ein Spiel gucken wollte, besetzten wir bereits 1 1/2 Stunden vor Spielbeginn zwei Plätze. Womit wir nicht gerechnet hatten: Das Essensangebot beim Tambosi ist schon arg ChiChi und mein Magen war arg hungrig.
Publikum: Gemischt, touristisch, nichtssagend.
Leinwand: ziemlich groß (bestimmt so 2 mal 3 m), aber leider unbrauchbar bei Sonneneinstrahlung. Man sah quasi nix.
Fazit: Da ich das Englandspiel unbedingt auch sehen und nicht nur hören wollte, machten wir und noch vor Spielbeginn wieder auf ins Cafe Mozart, wo wir um 5 vor drei problemlos einen Platz direkt vor der Leinwand kriegten. Wir und ca. 15 andere verfolgten dann ungestört das Spiel. Und ich hatte einen Salamiteller. DAS nenn ich Fußballgenuß.

Schweden : Trinidad&Tobago, Pasta e Basta, Frauenhoferstraße, Ecke Klenze

Örtlichkeit: Unfassbar günstiges Pastalokal (Spagetti mit Tomatensauce: 2,95 Euro). Eigentlich wollten wir nur essen, aber da das Spiel lief haben wirs halt doch geschaut.
Publikum: Junge Menschen, die billig essen wollten.
Leinwand: Projektion an die Wand des Lokals. Problem: Es war irgendwie digitales Fernsehen oder so und das fiel alle paar Minuten aus oder pixelte sich recht unschön. Besonders wenn sich die zwei jungen Kellner daran machten, das Ganze zu reparieren.
Fazit: Super zum billig essen. Schlecht zum Fußball gucken.

Argentinien : Elfenbeinküste, Privatgartenparty, Frauenhoferstraße
Örtlichkeit: Der Garten des Freundes eines Freundes direkt im Gärtnerplatzviertel. Möbiliert mit Bierbänken und Second Hand Möbeln. Essensangebot: Selbergrillen und Salate und Brot. Getränke: alles.
Publikum: Sympatische Menschen (Überzahl männlich) zwischen Mitte 20 und Mitte 40 mit einem Herz für die Elfenbeinküste oder wahlweise gar keiner Ahnung von Fußball.
Leinwand: Beamer mit 1,50m Leinwand. Funktionierte ganz wunderbar.
Fazit: Fantastisch. Wenn sowas bei jedem Spiel stattfinden würde, wäre ich bei jedem Spiel da. Allerdings mit Decke, Kissen und Mückenschutzspray :-)

1 Comments:

Blogger Nicky said...

ja, ich hatte das eigene Bett vergessen zu erwähnen. seit sonntag auch mein geheimtipp :-)

1:05 PM  

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