Der Sündenfall

Was darf man als Sozialdemokrat und Gewerkschaftssympathisant auf gar keinen Fall super finden? Neben den üblichen Verdächtigen wie Arbeitszeitverlängerung , Lohndrückerei oder Nicht-an-Tarifverträge halten muss die Antwort auf jeden Fall lauten: eine Verlängerung der Öffnungszeiten.
Jetzt ist es aber im Zuge der WM bereits dazu gekommen: Läden haben bis 22 Uhr geöffnet und teilweise sogar an Sonntagen.
Alle engagierten Verdimitglieder jetzt bitte kurz mal weghören!
Ich habe es getan. Ich bin heute um 20.15 Uhr ins Olympiaeinkaufzentrum gefahren, um bummeln zu gehen. Nein, ich hatte nicht vergessen, etwas Wichtiges zu besorgen. Ich hatte einfach nur Lust auf einen Schaufensterbummel zu ungewohnter Zeit. Außerdem trieb mich die Neugier. Würden die Deutschen zu diesem geradezu US-amerikanisch anmutenden Experiment zu bewegen sein? Und würde es mir genausoviel Spass machen wie in Chicago um halb 12 Uhr nachts zum Supermarkt zu fahren, nur weil man Lust auf ein paar Tacos hat?
Die Antwort lautet in beiden Fällen: Nicht wirklich.
Eigentlich und um ganz ehrlich zu sein war das Lateshopping eine eher depremierende Erfahrung.
1. Wenig los:
Ich hatte ja auf ein paar Gewinnspiele gehofft oder wenigstens Aktionen die Leben in die Bude bringen. Aber da war nichts. Nur ein paar Sonderverkaufsflächen auf denen arme kleine Goleos zu reduzierten Preisen verramscht wurden. Aus Empörung und Solidarität habe ich gleich einen gekauft, also quasi gerettet.
2. H&M geschlossen
Das komplette Einkaufszentrum stellte sich tapfer dem mangelnden Kundenzuspruch, nur 2 Läden weigerten sich standhaft, länger als bis acht zu öffnen: Die beiden H&Ms. Soll ich das jetzt als Beschäftigtenfreundlichkeit werten? Oder einfach nur beleidigt sein? Bin unentschlossen...
3. Gequälte Verkäufer
Ich weiß nicht, ob ich schon mal meine Abneigung gegen Aquarien erwähnt habe? Eingesperrte Fische, die mitleiderregend durch die Scheiben glotzen, könnte ich niemals entspannend finden. An genau diese Aquarieninsassen erinnerte mich nun ein Großteil der Verkäufer heute. Besonders den italienischstämmigen Kräften sah man an wie sehr sie darunter litten, das Spiel der Azzuri verpassen zu müssen. Die ganze Welt schaut im Sonnenschein Fußball und die Verkäufer sitzen stattdessen isoliert in ihren halbleeren Ladenlokalen? Nicht schön anzusehen.
Ob ich WM-Sonntagsshopping besser finde, werde ich am kommenden Spieltagssonntag testen können. Aber dann wohl eher in der Innenstadt.

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