Sowieso und Irgendwo

Donnerstag, März 16, 2006

"Wasser vs. Keramik" oder "Zivilisationskritik heute"


Eigentlich ein weltbewegendes Thema. Völlig unterschätzt in der öffentlichen Wahrnehmung und der politischen Debatte. Die Toilette.
Wurde mir erst wieder bewußt, als ich in der taz ein Interview ("Mich schockiert nichts!") mit dem Gründer der World Toilet Organization, Jack Sim, fand. Dieser Mann hat es sich zur Aufgabe gemacht, aus vernünftigen Klos eine Art Menschenrecht zu machen und ich kann ihm da nur beipflichten, besonders als Frau.
Wie oft sehnt sich eine durchschnittliche Frau danach, die körperliche Fähigkeit des Im-Stehen-Pinkelns zu erlangen, damit sie sich zumindest den Großteil ihres Daseins nicht mehr um dreckige Klositze, lange Schlangen und nicht auffindbare öffentliche Toiletten kümmern zu müssen und stattdessen elegant die Entscheidung zwischen Baum und Hauswand zu treffen?

Eben.

Das letzte Mal intensiv mit der Konstruktion von Toilettenschüsseln und öffentlichen Bedürfnisanstalten beschäftigt habe ich mich im letztjährigen USA Aufenthalt. Durch die Lektüre von Reiseführern war ich bereits vorgewarnt, es gäbe so gut wie keine öffentlichen Toiletten in amerikanischen Großstädten und man müsse stattdessen in großen Hotellobbies und Ähnlichem vorstellig werden. Ich hegte also Befürchtungen.

Doch wider Erwarten stellte sich die Bedürfnissituation als überaus erfreulich heraus und das hatte nicht zuletzt mit den unterschiedlichen Traditionen des Toilettenbaus in der alten und der neuen Welt zusammen. Wo in Deutschland WC-Schüsseln so konstruiert sind, dass wenig Wasser mit viel Keramik korrespondiert, sieht man sich in den USA mit einer Schüssel bis zum Rand gefüllt mit Wasser konfrontiert. Die deutsche Version führt notwendig zur Einführung des Instruments der Klobürste, die unappetitliche Ablagerungen aber leider auch nicht restlos verhindert. Das zieht unerfreulich aussehende und noch unerfreulicher riechende Toiletten nach sich.

Ganz anders die mit Wasser gefüllten US-Klosetts. Erstens schluckt dieses Wasser große Teile der peinlichen Geräusche. Zweitens werden eventuelle Gerüche sofort durch "Abtauchen" verhindert. Und drittens gibts kaum Ablagerungen. Nicht zu vernachlässigen: der lustige Strudel, der entsteht, wenn man die Spülung betätigt; sehr meditativ. Und um Bedenken gleich im Vorfeld zu zerstreuen: Es spritzt nicht. Ich weiß nicht, wie die Amis das physikalisch anstellen, aber das Wasser spritzt wirklich nicht hoch.

Warum dieses wunderbare System es nicht über den großen Teich geschafft hat, ist mir ein Rätsel. Aber Europa plagt sich in südlichen Gefilden ja immer noch mit Stehklos herum (Italien, Spanien, Frankreich).

Wenn man mich fragt, ein Zeichen von mangelnder Zivilisation. Da könnte man sich ein Beispiel an Shanghai nehmen und "Das Jahr der sauberen Toilette" ausrufen. Kleine Anregungen meinerseits: Kosmetikartikel, Ledercouchen, Blumenschmuck und geschmackvolle Beduftung/Beschallung haben noch keiner öffentliche Toilette geschadet, ganz im Gegenteil.

Und Damentoiletten ohne Abfalleimer in jeder einzelnen Kabine gehen GAR NICHT! Nie nicht! Merkt euch das, männliche Kloarchitekten.